Artikel in der Neuen Deisterzeitung vom 14.04.2012

 

"Ausgebrannt..." Stefanie Boese-Bellach im Gespräch mit der NDZ:

                                                                                                                                                                                         

1)      Burnout ist ja im Moment ein echter Medienrenner, manchmal wirkt es wie eine Trendkrankheit. Wie real ist das Problem?

      Das Problem ist sehr real und kein neuer Trend. Neu ist lediglich das starke mediale Interesse und das begrüße ich sehr. Einige prominente Betroffene haben sich in Interviews und über andere Publikationen sehr offen zu ihrem Burnout geäußert und dadurch ein größeres Interesse an einer Problematik ermöglicht, die schon lange existiert. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde ein Krankheitsbild, die Neurasthenie, beschrieben, deren Symptome sehr an die eines Burnout erinnern. In den letzten Jahren ist die Anzahl der Betroffenen alarmierend gestiegen. Unsere Gesellschaft muss sich mit den Gründen dafür auseinandersetzen, denn Burnout ist mittlerweile auch ein ökonomisches Problem. Betroffene Arbeitnehmer verursachen hohe Krankenstände und gehen aufgrund psychischer Erkrankungen in die Frühverrentung. Viele Arbeitgeber und Verbände nehmen dieses Problem sehr ernst und versuchen mit unterschiedlichen Angeboten des betrieblichen Gesundheitsmanagements die psychische Gesundheit ihrer Beschäftigten zu unterstützen.

2)   Kann man für Springe sagen, wie viele Betroffene es gibt?

      So regional begrenzt kann ich darüber keine Angaben machen. Da Burnout kein klar definiertes Krankheitsbild ist, ist eine allgemeine Aussage generell schwer, denn ein Burnout kann die unterschiedlichsten Symptome beinhalten. Die Betroffenen leiden zum Beispiel unter chronischen Kopf- oder Rückenschmerzen, Schlafstörungen, Antriebslosigkeit oder Erschöpfung bis hin zur Depression. Oftmals sind es aber auch diffuse Angstzustände oder ein nicht enden wollendes „Kopfkino“, in dem sich die Probleme potenzieren und den Betroffenen die letzte Kraft rauben.Da das Krankheitsbild so vielseitig und individuell höchst unterschiedlich ist, sind statistische Erhebungen unglaublich schwer. Aber man geht davon aus, dass jeder fünfte Arbeitnehmer mit psychischen Problemen zu tun hat. Das gibt aber leider keinen Aufschluss über die nicht erwerbstätigen Betroffenen.

3)   Ist das eine Berufskrankheit oder betrifft es auch das Privatleben?

Burnout war lange Jahre nur als sogenannte „Managerkrankheit“ bekannt und die Vermutung, dass es diese Problematik nur in Verbindung mit einem hohen beruflichen Engagement gibt, lag da nahe. Das dem nicht so ist wird daran deutlich, dass nicht nur Arbeitnehmer sondern zudem Arbeitslose, Menschen in Familienzeit und immer mehr Ruheständler betroffen sind. Bei einem Burnout handelt es sich um eine tiefgreifende emotionale Erschöpfung. Die Betroffenen sind ohne Unterstützung nicht mehr in der Lage sich von dieser Erschöpfung zu erholen. Die Gründe für diese emotionale Erschöpfung sind vielfältig. Sie sind oft mit Problemen aus dem Job verknüpft und natürlich zeigt sich diese Erschöpfung besonders schnell in beruflichen Zusammenhängen, aber diese Probleme sind nicht der Auslöser für ein Burnout. Auslöser ist vielmehr ein schleichender oder plötzlicher Sinnverlust. Immer mehr Menschen gehen aus den unterschiedlichsten Gründen ihre persönlichen Sinn- und Kraftquellen verloren. In diesem Sinnverlust liegt die eigentliche Ursache eines Burnout.  

4)   Wer ist gefährdeter – Männer oder Frauen? Und warum?

      Potentiell burnoutgefährdet zu sein ist keine Frage des Geschlechtes oder auch des Alters. Es ist eher eine Frage des Typs. Besonders gefährdet sind in hohem Maße engagierte, leistungsbereite und pflichtbewusste Menschen und da sich diese in jeder Geschlechts- und Altersklasse finden, lässt sich die Frage so nicht beantworten.

5)   Ist Burnout ein Zeichen von Schwäche?

      Das Vorurteil, dass nur schwache Menschen, die vor Problemen und Anforderungen viel zu schnell kapitulieren, von Burnout betroffen sein können, ist leider weit verbreitet.  Genau solche Einschätzungen  sorgen dafür, dass gefährdete und betroffene Menschen aus Scham nicht über ihre Not sprechen und sich keine Hilfe holen. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Typische „Ausbrenner“ sind Perfektionisten, sie sind hilfsbereit und können nur schwer nein sagen. Sie geben immer alles, gern 100% und das auf allen Ebenen, beruflich wie auch privat. Viele dieser Menschen definieren sich nur über ihre Leistungen. „Ich bin nur wertvoll, wenn ich etwas leiste!“  Hier ist das Selbstwertgefühl oft seit frühester Kindheit an den Leistungsgedanken geknüft. Das funktioniert auch oft jahrzehntelang, denn diese Menschen sind meist besonders stark und leidensfähig. Sie gehen ständig  an ihre Grenzen und darüber hinaus. Sie nehmen ihre eigenen Bedürfnisse nicht ernst, laden ihren Akku nicht auf. Irgendwann schlagen Seele und Körper Alarm und im schlimmsten Fall (Burnout) geht nichts mehr. Ich vergleiche das Problem gern mit einem Rennwagen, der nie in den Boxenstopp geht und irgendwann auf freier Strecke einfach liegenbleibt.

6)   Wie kann man sich helfen – vorher, aber auch, wenn es akut ist?

      Es ist wichtig, Körper und Geist nach Zeiten hoher Beanspruchung auch wieder Erholung zu bieten und eine gute Balance von Anforderung und Entspannung zu finden. Bewegung und Sport helfen die körpereigenen Stresshormone im Griff zu halten, Entspannungsübungen unterstützen beim Abschalten und in einer aktiv gestaltete Freizeit  sollten persönliche Bedürfnisse Raum finden. Sich Zeit für sich zu nehmen, sollte einen hohen Stellenwert haben und als eine lebenswichtige Kraftquelle für die Herausforderungen des Alltags und nicht als Luxus begriffen werden.

Der Sinn einer guten Balance von Arbeit und Privatleben, der sogenannten Work-Life-Balance, leuchtet sicher jedem ein und hier gibt es etliche Ratgeber und Tipps in vielfältigen Veröffentlichungen. Die Krux dabei ist jedoch, dass sich burnoutgefährdete Menschen auch beim Thema Freizeit und Entspannung schnell in die „Leistungsfalle“ begeben. Der Ausflug mit der Familie muss dann perfekt organisiert sein, es wird hart trainiert, um die Yogaübungen fehlerfrei durchzuführen, beim kreativen Gestalten zählen nur perfekte Resultate und beim Mannschaftsport zeigen potentielle „Ausbrenner“ nicht nur besonders gute Leistungen,  sondern sind  im Verein auch noch für die Kasse und die Jugendarbeit zuständig.

Wer merkt, dass er zu solch einem Verhalten neigt, besonders in Verbindung mit typischen oben genannten Symptomen, muss seine Motivation für dieses Verhalten überdenken und alternatives Verhalten erproben. An welchen Stellen ist es mir wichtig meinen Perfektionismus auszuleben und wo kann ich die Verantwortung auch mal anderen überlassen? Was passiert, wenn ich zu einer Aufgabe „nein“ sage?

Es wird deutlich, dass bei Menschen, die potentiell burnoutgefährdet sind, gängige Strategien der Stressbewältigung nicht greifen können, wenn nicht auch den Ursachen für den inneren Leistungsdruck auf den Grund gegangen wird. Allerdings ist dieser Leistungsgedanke bei ihnen eng mit dem Lebenssinn verknüpft und wird er kritisch hinterfragt, so steht auch die Frage nach dem „Was macht MICH aus, was wünsche ICH mir für mein Leben?“  im Raum. Diese sehr aufwühlenden Fragen allein zu bearbeiten ist nur schwer möglich und sollte durch fachliche Unterstützung begleitet werden.

Habe ich das Gefühl in ein Burnout zu steuern, dann macht es Sinn diese Unterstützung in professionellen Hilfsangeboten zu suchen, die auf das Thema Burnout spezialisert sind und eine individuelle Beratung bieten.

Eine besondere Rolle kommt den Familien und Freunden zu, die oft weit vor den Betroffenen erkennen, dass die Entwicklung eine fatale Richtung nimmt. Sprechen Sie Ihre Beobachtungen an und bieten Sie Hilfe und Unterstützung. Gefährdete Personen sind meist nicht in der Lage um Hilfe zu bitten, da sie ja im Gegenteil selbst oft als Helfer fungieren und das Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit als Versagen definieren. Personen in einer Burnoutproblematik äußern im Coaching oft, dass doch die anderen hätten sehen müssen, wie es um sie steht. Das sie aber nach außen weiter scheinbare Stärke demonstrierten, ist ihnen gar nicht bewusst.

Menschen in einem akuten Burnout brauchen dringend therapeutische Hilfe, denn hier geht in den meisten Fällen nichts mehr. Der normale Alltag wird zum Kraftakt, Schmerzen, Ängste, Depressionen gewinnen die Oberhand. Burnoutpatienten werden in der Regel zunächst stationär in einer spezialisierten Einrichtung betreut. Doch besonders nach der akuten Phase der Erkrankung ist eine fachliche Betreuung notwendig, in der die Schritte in ein burnoutfreies Leben unterstützt werden.

 

                                                                                                                                                                                          

 

 

 

 

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